Karma Hautnah

oder: Die merkwürdigen Pfade der Liebe

Über die Arbeit mit Familienaufstellungen nach Bert Hellinger

Vor ein paar Wochen kam eine junge Frau zur Beratung. Sie machte einen bedrückten Eindruck und saß ganz zusammengesunken auf ihrem Stuhl. Auf die Frage, was sie zu mir führt, berichtete sie, sie wüsste nicht mehr ein noch aus. Ihr Freund, den sie sehr liebe, bezichtige sie immer häufiger des Betrugs und seine ganz unbegründete Eifersucht belaste die Beziehung schwer. Da das Paar bereits einige Wochen zuvor wegen desselben Problems zu einem gemeinsamen Gespräch gekommen war, wobei sich auch der Mann sehr betroffen zeigte ('Ich erkenne mich selbst nicht wieder!'-), schlug ich vor, eine Aufstellung zu dem Thema zu machen. Die beiden willigten ein.

In einer Aufstellung wird das innere Bild der eigenen Herkunfts- oder Gegenwartsfamilie mit Hilfe von Stellvertretern in einer Gruppe dargestellt, so dass familiäre Verstrickungen oder unbewusste Bindungen an schweres Schicksal, Krankheit oder unglückliche Muster sichtbar werden. Die Familienkonstellation wird auf respektvolle Weise neu geordnet oder ergänzt und als Lösungsbild am Ende der Aufstellung wieder zurückgenommen, also rückverinnerlicht, und kann so im Lauf der Zeit ihre Tiefenwirkung im Leben des Aufstellenden entfalten.

 

Familiäre Verstrickungen gehen oft über mehrere Generationen und bewegen sich auf einer archaischen Ebene der Psyche, die der Analyse oder dem rationalen Denken entzogen ist. Durch eine Aufstellung erfährt man etwas über sich, was sonst nur schwer zugänglich ist, denn im 'wissenden Feld' der Gruppe wird jeder Stellvertreter zum Medium für das kollektive Unbewusste. Dies ist schwer in Worte zu fassen, man kann das nur selbst erleben, wie die Stellvertreter oft sehr genaue Auskunft geben können über die tatsächlichen Familienbeziehungen, ohne jemals nähere Informationen über das betreffende Familiensystem erhalten zu haben. Sobald sie an ihren Platz gestellt sind und sich ohne besondere Erwartungen einfühlen, erspüren sie die Lage derer, für die sie stehen, auch die Gefühle der Betreffenden und häufig sogar körperliche Einschränkungen und Gebrechen.

Mit Hilfe der Stellvertreter ist es dann oft möglich, im zeitlosen Raum der Familienseele auch im Nachhinein etwas wieder in Ordnung zu bringen, zum Beispiel einen Ausgeschlossenen wieder zu integrieren, einem bislang Ungewürdigten die Ehre zu erweisen und ihn anzusehen, einem Vergessenen einen guten Platz im Herzen zu geben, ein Opfer anzuerkennen und zu würdigen, einem Täter die Verantwortung für seine Tat zu überlassen.

Familiäre Verstrickungen gehen oft über mehrere Generationen und bewegen sich auf einer archaischen Ebene der Psyche, die der Analyse oder dem rationalen Denken entzogen ist.

Die Aufstellung des jungen Paares, die wir mit Hilfe der Stellvertreter durchführten, ergab nun folgende Situation: Der junge Mann machte der Frau einen Vorwurf - das entsprach ganz der aktuellen Lage. Ich nahm die Mutter der Frau hinzu. Die Mutter sagte, dass sie sich schäme. Dann nahm ich den Vater der Frau dazu. Darauf fing die Stellvertreterin der Frau spontan an zu weinen. Ich fragte nun die Aufstellende, was vorgefallen sei. Sie sagte, ebenfalls unter Tränen, dass ihre Mutter ihren Vater betrogen habe und es niemandem erzählt habe außer ihr, der Tocher.


Das ist zunächst eine schlimme Situation für die junge Frau. Verrät sie das Geheimnis, so ist sie der Mutter untreu. Behält sie es für sich, ist sie dem Vater gegenüber unehrlich. Die Mutter hat sich entlastet, indem sie die Bürde des Schweigens an die Tochter weitergegeben hat. Der Vater, dem die eigentlichen Vorwürfe zugeschrieben werden könnten, hielt sich zurück. In der Aufstellung kam zum Vorschein, dass er im Grunde von dem anderen Partner seiner Frau wusste und das Ganze gar kein Geheimnis mehr war. Doch die Tochter trug schwer an ihrer Last und ließ sich - stellvertretend vom eigenen Freund - die entsprechenden Untreuevorwürfe machen.

'Liebe Mama, ich liebe dich und den Papa gleichermaßen. Ich bin nur deine Tochter, Eure Ehegeheimnisse gehen mich nichts an.'

Die Lösung war nun in Sicht. Ich nahm die junge Frau selbst in die Aufstellung hinein und ließ sie der Stellvertreterin ihrer Mutter sagen: 'Liebe Mama, ich liebe Dich und den Papa gleichermaßen. Ich bin nur Deine Tochter, Eure Ehegeheimnisse gehen mich nichts an. Ich gebe dir das Geheimnis jetzt wieder zurück'. Das war ein bewegender Moment für die Aufstellende und sie weinte dabei. Auch dem Vater sagte sie, dass sie die Mutter und ihn gleich viel liebe. Dann stellte sie sich neben ihren Freund, der nun auch selbst in der Aufstellung stand. Er legte seinen Arm um ihre Schultern. Die beiden lächelten sich an. Das ganze Bild sprach für sich.


Im Jargon der Systemischen Familientherapie handelte es sich hier um eine doppelte Verschiebung. Die Tochter vertritt die Mutter und nimmt deren Last auf sich - und zwar aus Liebe, denn sie weint, als sie erkennt, dass sie das gar nicht tragen kann für die Mutter. Der Freund der Tochter spürt, dass sie etwas verbirgt; er kann sich dem Sog nicht entziehen und übernimmt die zurückgehaltenen Vorwürfe des Vaters. Durch die Aufstellung wird die Lösung des Konflikts jenen Personen zugemutet, die für das Entstehen desselben verantwortlich sind, den Eltern. Sie haben nun die Chance, verantwortlich zu handeln.

Es war für mich als Therapeutin und auch persönlich eine große Bereicherung, von Bert Hellinger lernen zu dürfen und bei ihm etwas ausgesprochen zu finden, was ich zwar intuitiv erahnt hatte, aber nicht in der Lage war praktisch zu nutzen, nämlich, dass die so gerne zitierte Blockade, die einen Menschen davon abhält, sein Leben voll zu genießen oder zu gesunden, nicht nur einen Sinn hat im Leben des Betroffenen,sondern sogar höchsten Respekt verdient.

Das Leid wird tief in der Seele als Unschuld erfahren und das Weiterleben angesichts des Todes eines geliebten Menschen als Schuld.

Es ist eine Bewegung der Seele und häufig nichts anderes als ein Ausdruck ganz tiefer Liebe - in der Regel zu einem nahen Angehörigen oder einem anderen geliebten Menschen -, die ohne Absicht das krankmachende Muster hervorbringt.

Dazu möchte ich ein Beispiel nennen. Wenn in der Geschwisterreihe (oder bei den Geschwistern der Eltern) eines früh gestorben ist, dann möchte manchmal ein anderes Geschwister nachfolgen in den Tod. Es hat vermehrt Unfälle oder macht sich das Leben ganz schwer, z. B. durch eine ernste Krankheit, eine Sucht, durch beruflichen Misserfolg oder mit unglücklichen Partnerschaften. So ist der/die Betreffende dem gestorbenen Geschwister nahe - im Leid. Das Leid wird tief in der Seele als Unschuld erfahren und das Weiterleben angesichts des Todes eines geliebten Menschen als Schuld. Dies kommt häufig vor, besonders wenn das früh verstorbene Geschwister keinen guten Platz hat in der Erinnerung der Familie, etwa weil der Verlust sehr schmerzhaft war für die Eltern.

Am schwersten betroffen ist oft die jüngste Generation, also die Kinder einer Familie; sie sind bereit, in den Tod zu gehen an Stelle des Vaters oder der Mutter, sie geben ihren Platz in der Familie bereitwillig auf für ausgeschlossene Familienmitglieder oder für solche, die Platz gemacht haben für andere, und die gibt es oft - es können frühere, nicht gewürdigte Partner von Vater oder Mutter sein, nicht mitgerechnete Geschwister oder Halbgeschwister oder das 'schwarze Schaf' der Familie, das zu keinem Fest eingeladen ist. Die später Geborenen übernehmen ohne es zu wissen uneingestandene Schuldgefühle oder nicht ausgedrückte Trauer der Eltern oder Großeltern, sogar dann, wenn ihnen nie von den fehlenden Personen erzählt wurde. In der kollektiven Erinnerung geht nichts und niemand verloren. Es ist der Ort in uns, den wir alle kennen ohne ihn zu kennen. Manchmal erhalten wir einen kurzen Einblick in ihn und das ist dann ein Moment großer Gnade.

Aus den Aufstellungen geht auf ganz direkt erfahrbare Weise hervor, dass im lebendigen Gefüge einer Familie jedes Mitglied das gleiche Recht auf Zugehörigkeit besitzt. Falls dieses innere Gleichgewicht von Zugehörigkeit verletzt wird, so kann es passieren, dass ein anderes Familienmitglied, oft ein später Geborener, einen Ausgleich zu schaffen versucht - im Guten oder im Unguten.


Ein Ausgleich im Guten sieht zum Beispiel so aus: Eine Frau kommt zur Aufstellung. Sie hat erfahren, dass die Schwester ihrer Mutter behindert war und in ein Heim gegeben wurde. Die Frau und ihr Mann haben selbst ein Mädchen adoptiert, das behindert ist - sie sagte, sie hatte immer das Gefühl, 'als ob jemand fehlt.' Sie hat also die Liebe und Fürsorge, die ihre behinderte Tante durch die Familie nicht erhalten hat, einem anderen hilfsbedürftigen Menschen weitergegeben. Das Lösungsbild der Aufstellung gab außerdem der einst weggegebenen Tante ihren Platz im Kreis der Familie und so erhielt auch das adoptierte Mädchen einen größeren Freiraum, denn es musste nicht mehr die fehlende Person ersetzen.

In der kollektiven Erinnerung geht nichts und niemand verloren. Es ist der Ort in uns, den wir alle kennen ohne ihn zu kennen. Manchmal erhalten wir einen kurzen Einblick in ihn und das ist dann ein Moment großer Gnade.

Ein Ausgleich im Unguten zeigt sich im nächsten Beispiel, das ein leider ganz alltägliches Drama widerspiegelt. Eine Mutter bat mich um Hilfe für ihre magersüchtige achtzehnjährige Tochter, die wieder so stark abgenommen hatte, dass ein stationärer Klinikaufenthalt unabwendbar schien. Sie stellte die Familie mit Hilfe der Stellvertreter auf, d.h. den Ehemann, die Tochter und sich selbst. Die Tochter konnte kaum stehen und gab an, dass sie traurig und wütend auf die Mutter sei. Der Ehemann sagte: 'Sie ist nicht meine Tochter.' Ich fragte die Klientin, ob sie sich dazu äußern wolle. Sie antwortete, dass sie vor der jetzigen Ehe schwanger wurde von einem Mann, in den sie zwar heftig, aber nur flüchtig verliebt gewesen sei. Sie habe keinen Kontakt mehr zu ihm.

Ich nahm also einen Stellvertreter für den leiblichen Vater der magersüchtigen Tochter hinzu in die Aufstellung. Er sagte, er sei traurig und sauer. Die Tochter wollte sich sofort zu ihm stellen, sie strahlte ihn an! Es war deutlich zu spüren, dass die Tochter die Emotionen des nicht gewürdigten ersten Manns der Mutter übernommen hatte und sich dadurch in geheimer Solidarität mit ihm wusste. Ich nahm nun die echte Mutter anstelle ihrer Stellvertreterin in die Aufstellung und bat sie, den ersten Mann anzusehen und ihm zu sagen: 'Ich habe Dich noch nicht richtig gewürdigt. Du bist der Vater unsrer Tochter und das bleibst Du auch - für immer!' und außerdem zur Tochter: 'Als ich schwanger wurde mit Dir, habe ich Deinen Vater sehr geliebt.' Welch eine Intensität in diesen von Angesicht zu Angesicht gesprochenen Sätzen der Beteiligten liegt, kann hier nicht annähernd beschrieben werden. Das Lösungsbild war, dass der leibliche Vater Anerkennung und Zugehörigkeitsrecht zurückerhielt, indem er seine Tochter unbehindert sehen darf. Das könnte die Tochter von ihrer inneren Verpflichtung befreien, genauso wenig zu nehmen - 'zu sich zu nehmen' - wie er.


Ein Ausgleich kann über mehrere Generationen gehen, die Familienseele bewegt sich langsam. Der Ausgleich soll immer dem Ganzen dienen und die verletzte Zusammengehörigkeit wiederherstellen, auch wenn es für denjenigen, der das übernimmt, mitunter katastrophale Folgen nach sich zieht. Das Medium des Ausgleichs ist die Liebe, seine Grundlage die Bindung per Geburt oder Partnerschaft oder durch besondere Umstände. Man könnte das auch als das karmische Gesetz in der Familie bezeichnen, aber es ist in der Praxis sicherlich hilfreicher, diese Kräfte so entmystifiziert und bodenständig wie möglich zu betrachten, besser noch direkt zu erfahren anhand ihrer Wirkung im Kraftfeld der jeweiligen und individuellen Aufstellung. Dort wird ohne jegliche theoretische Ableitung deutlich, in welchem Maße die Nachgeborenen in etwas hineingestellt sind, das zu erfüllen ihre tief eingeborene Liebe ihnen unbewusst aufträgt und das außerhalb ihres persönlichen Entscheidungsspielraums liegt.

Das Medium des Ausgleichs ist die Liebe, seine Grundlage die Bindung per Geburt oder Partnerschaft oder durch besondere Umstände.

Besondere Aufmerksamkeit verdient dabei die Rolle des Gewissens, die Bert Hellinger schon vor Jahren beschrieben hat. Es fungiert gleichsam als innerer Kompass, der jedem Systemmitglied ermöglicht, aber auch auferlegt, zu erfahren, wie weit es sich fortbewegen darf von den Regeln und Tabus der Familie, ohne sein Recht auf Zugehörigkeit zu verspielen. Ein 'gutes Gewissen' ist demnach kein Wert an sich, auch kein 'schlechtes Gewissen'. Beide sind abhängig von den jeweiligen Geboten und Verboten des Familiensystems. Das erfahre ich manchmal ganz anschaulich in meinen Seminaren, wenn ein schwer belasteter Mensch, der zur Aufstellung kommt, sich plötzlich 'als Verräter' fühlt und sich dieses Gefühl nicht erklären kann. Er hat ein 'schlechtes Gewissen'. Es stellt sich ein wie ein Automatismus, wenn der Aufstellende beispielsweise das Schweigen um ein Familiengeheimnis bricht, das er auch unter größten Selbstopfern bislang gewahrt und mitgetragen hatte. Um aus dem Gruppengewissen herauszutreten und gleichzeitig die eigene Herkunft zu achten, ist also ein bewußter Kraftakt von großem Mut (zum schlechten Gewissen) und auch eine erweiterte Sicht, ein Akzeptieren größerer Zusammenhänge, nötig. Ist das Verlangen nach 'Unschuld' aber größer, so verhindert es die Heilung. In beiden Fällen liegt es dann in der Würde des Betroffenen, entweder den einen oder den anderen Weg einzuschlagen, auch den Weg des Leids oder der Krankheit. Er erscheint manchmal sogar leichter, da man sich - aus alter Gewohnheit - leidend in größerem Einklang mit dem Familiengewissen empfindet.


Die magische Kinderliebe, oft eine blinde Liebe, welche sich über Tod und Leben hinwegsetzen will, wird vom betroffenen Erwachsenen, in dem sie fortbesteht, als sehr leidvoll erlebt und es mag sein, dass er ohnmächtig sein unverständlich schweres Schicksal beklagt. In seiner Seele jedoch stimmt er zu - aus eben dieser Liebe. Die Aufstellung gibt nun der verborgenen, blinden Liebe ein sichtbares Ziel und macht sie dadurch sehend: Die Liebe darf erwachsen werden und sich weiten. Und die geliebte Person, etwa das vergessene Geschwister, bekommt ihren Platz - und eine Stimme. So sagte vor kurzem die Stellvertreterin einer bei der Geburt gestorbenen Zwillingsschwester zum jetzt dreiunddreißigjährigen und stark depressiven Zwillingsbruder: 'Es macht mich sehr traurig, Dich so leiden zu sehen. Bitte nimm Du wenigstens das Leben! Ich werde für immer Dein Schutzengel sein.' Alle Beteiligten in der Aufstellung nickten zustimmend oder atmeten auf und es war sofort spürbar, dass etwas lange Überfälliges stattgefunden hat und vielleicht ... ja, vielleicht das Wunder der Heilung seinen Anfang findet.